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Alle paar Jahre wieder

Gastautor-Beitrag von Simon Baur
Alle paar Jahre wird Môtiers, das idyllische Dörfchen im Val-de-Travers, in das sich einst Jean-Jacques Roussau zurückzog, von Scharen von Kunstfreunden heimgesucht. Was die dort tun wird vorerst nicht so richtig klar, sie scheinen, mit kryptischen Plänchen in Händen, etwas bestimmtes zu suchen, vermutlich den Gral des Parsifals oder eines der zahlreichen Geheimnisse der grünen Fee, die mit Vorliebe dafür verantwortlich gemacht wird, dass die Gedanken plötzlich ganz abwesend sind. Absinth ist ein köstliches Getränk und das schmucke Löffelchen wurde selbst von Picasso in einer seiner Skulpturen verwendet, diesem kubistischen Glas, wovon eines zumindest noch einen kleinen Quader auf dem Löffelchen hat, der einen Zuckerwürfel symbolisiert. Die Scharen scheinen von diesem grünen Getränk einiges zuviel abbekommen zu haben, so wie einst Obelix von dem Zaubertrank zuviel genossen hat und sie strömen nun aus, nicht um nach verirrten Galliern zu suchen, die ja wirklich nicht weit über die Grenze zu finden wären, auch keine Wildschweine schmücken die Beuteliste. Es ist die Kunst, die von rund 70 Künstlern in Wald und Wiese, in Ställen und Garagen montiert wurde und alle paar Jahren eben scheint Môtiers zum Zauberland für verschlafene Osterhasen zu werden, die in einem kleinen Umkreis ihre Eier versteckten, in diesem Fall sind es Skulpturen und die nun von hunderten von Menschen überall aufgestöbert werden.
Es ist also einiges los in diesem verschlafenen Nest, die ganze Natur gerät durcheinander, der Specht hämmert unruhig am Stamm, der Fuchs zieht mit eingezogenem Schwanz durch das Dickicht und die Feldhasen lassen ihre Ohren baumeln. Sie zumindest sind dankbar wenn der Spuk Ende September wieder vorüber ist. Die Bevölkerung aber geniesst es, beteiligt sich auch rege an den Aktivitäten, stellt Garagen und Ställe, Brunnen und Mauern, Felder und Wälder für die Aktivitäten zur Verfügung, im Wissen dass einige Gäste dort übernachten, viele in den Restaurants einkehren oder eine Flasche Absinth mit nach hause schleppen.
Doch Môtiers ist nicht nur „dolce far niente“ sondern auch höchst anspruchsvoller Kunstgenuss. Entlang der Dorfstrasse finden sich bereits zahlreiche Positionen, beispielsweise Ana Roldans goldene Wand, die ein romantisches Teehäuschen zum Vorschein bringt und die Reste eines längst demolierten Hauses stützt. Wenig weiter ist man sich schon nicht mehr sicher ob das Kunst ist. Ein Gestell mit einigen Milchbrenten und auf der gegenüberliegenden Seite ein leeres Gestell: der Blick auf den Plan verrät, dass hier der Bauer Johann Armleder am Melken war. Lang/Baumann haben den Dachboden eines Stalles mit leerer Luft gefüllt, grosse Schläuche füllen den Raum und erinnern an Gebläse, die das Heu auf die Bühne pusten. Und dann kommt er schon, der Brunnen mit der skurrilen Installation von Alan Bogana, der mit der Ausdehnung von Objekten arbeitet und der derart irritierend wirkt, dass sich einer unserer kleinen Begleiter an der Ausstellungseröffnung vor Faszination in den Brunnen stürzte. Anton Dunsts Vater, der Bildhauer Markus Müller, diesmal an der Ausstellung nicht beteiligt, hatte kein zweites paar Hosen dabei, also raste klein Anton in der Folge in Unterhosen und barfuss durch Wald und Wiesen, und es war für manche Besucher amüsant durch das Dickicht des Waldes seine bleichen Beine hindurch schimmern zu sehen. Plötzlich steht man vor einer Parkbank, die von einem Metallträger erschlagen wurde, Roman Signer hat wieder mal als Zerstörer gewirkt und den Verschönerungsverein, der in der Regel die Parkbänke, die schon manchen müden Wanderer gerettet haben, finanziert, in unabsehbare Folgekosten gestürzt.

Poetischer ist Claude Sandoz kleines Museum, das er der Insel Ste-Lucie in der Karibik widmet, auf der er ein Teil des Jahres lebt. In vielen bunten Farben sind kleine Schuppen nebeneinander geordnet, in denen sich zahlreiche exotische Gegenstände befinden und wenige Schritte daneben, am Rand einer etwas versteckt liegenden Wiese findet ein wunderschönes metallenes und grünangestrichenes Häuschen, das in den Städten vor allem als Pissoir dient, in dieser idyllischen Landschaft aber bestimmt auch als Leibestempel nicht nur von Nymphen und Faunen missbraucht wird. Und schon stehen wir vor den farbig bemalten Kisten von Delphine Coindet, einer schönen minimalistischen Arbeit, die wie eine Siedlung von Bienenhäuschen wirkt. Klein Anton steht breitbeinig davor und erklärt seiner Freundin Josephine, der Tochter des Künstlers Boris Rebetez und der Künstlerin Doris Lasch, das sei „wirklich wie Kunst“, was diese mit einem bestimmten Kopfnicken quittiert.

Nun kommen wir ins Waldesinnere, wo wir von weitem ein Tipi sehen, Denis Savary hat es gemacht, die Indianer sind längst ausgezogen und bewacht wird es von einem Grimassen schneidenden Troll, der gleichzeitig auch ein asiatischer Quellgott und ein E.T. aus dem Jura sein will und von der Magierin Sylvie Fleury an diesen Ort befohlen wurde.

Unter einem Baum eine weitere Parkbank, Katja Schenker hat sich darauf gesetzt und füllt den Plastiksack auf ihrem Schoss mit Beton. Erhärtet liess sie ihn zurück und jeder kann sich nun um dieses Objekt ordnen und die Position der Künstlerin einnehmen. Ein schönes Objekt auch eine wunderbare Idee, die sehr körperlich gedacht ist und den Besucher zur Teilnahme auffordert, eine Arbeit auch, die Nehmen und Geben, Werden und Vergehen thematisiert.

In einem nahen Schuppen findet sich der Film von Bretz/Holliger. Er zeigt ein Häuschen, das an einem Seil über den Abgrund beim Creux du Van gleitet, ähnlich den Transportbahnen in den Alpen. Es rattert und tuckert wie eine kleine Lokomotive und nach einer rasanten Fahrt stürzt es am Felsen ab, springt und hüpft über Stock und Stein und zerschellt schliesslich im Abgrund. Eine Metapher fürs Leben und ein Film voller poetischer Bilder.

Der Waldweg windet sich und wir stehen vor einer grossen Wiese. Doris Lasch und Ursula Ponn haben einen Torbogen angebracht auf dem oben La Fin geschrieben steht. Jeder soll sich selbst seine Gedanken über diese Worte über dem Eingang machen, mich erinnert die Arbeit an das Ende der alten französischen Filme und irgendwo in der Ferne höre ich die Nebelhörner aus „Quai des Brumes“, und sehe Jean Gabin durch die Wiese auf mich zukommen. Gleich daneben Heinrich Gartentors letzter Gletscher, den er mit der Feuerwehr von Môtiers herstellen wollte. Leider hat ihm der warme Frühling einen Strich durch die Rechnung gemacht, der Schnee ist frühzeitig geschmolzen und der Gletscher zum Abhang einer Finnenbahn geworden.

Jetzt geht’s den Berg hinauf, über glitschige Steine und Wurzeln, durch ein Gehege, in dem ein Brummen zu vernehmen ist – oder habe ich mir dies nur eingebildet? Vor einer Höhle im Fels hat Simon Beer – Nomen est Omen – einen lebendigen Bären hingebracht, der nun den Besuchern abpasst und ab und zu ein Lamm oder eine Ziege verspeist. Klein Anton kann er nicht erwischen, der hat ihm ein Glas Honig hingestellt, was Meister Petz doch sehr besänftigt hat. Wir kommen auf eine Waldlichtung wo Mireille Fulpius eine Art Fischskelett und Kaleidoskop aus Hölzern gefertigt hat und wenig weiter unten hängt eine goldene Kette, eine Art Kugelfang von Edit Oderbolz, welche die Wanderer von den Kugeln der in der Nähe übenden Schützen bewahren soll. Und noch eine letzte Waldlichtung. Auf ihr steht im Moos ein Glas, in welches das Wort «Absent» eingraviert ist, sowie eine Flasche Absinth, dem Nationalgetränk des Val-de-Travers: eine Arbeit Anna Rudolfs, die damit ein poetisch-witziges Wortspiel zwischen Rausch und Abwesenheit betreibt. Leider findet sich ihr Beitrag nicht auf dem Plan, die Arbeit ist dennoch sehenswert. Der Wald tut sich auf und gibt die Sicht frei auf Wiesen und Felder, auf Häuser und Felsen am Horizont. Klein Anton hüpft mit Josephine über die Felder und bleibt vor einem kahlen Baumgerüst stehen. Haus am Gern haben ihn hingestellt und bitten alle Besucher, die herumliegenden und verschnürten Schuhe in die Äste des Baumes zu werfen, so das er nicht mehr so kahl ist. Von weitem sichtbar auch die zitternde Schrift von Ben Vautier auf einem Dach: „Je suis bien ici“ klingt wie eine Verheissung aus Arkadien. Daneben in einiger Entfernung hat Kerim Seiler eine Farbexplosion in den Wiesen gezündet. Oder ist es nur die Wäsche einer Bauersfrau oder einige Gebetsfahnen eines ländlichen Klosters?

Jürg Stäuble schliesslich lässt eine Wetterfahne im Wind rattern, ein schönes Bild für den permanenten Wechsel in der Kunst.

Der Wind hat mittlerweile aufgefrischt, der Tag war anstrengend und gleichzeitig anregend, Môtiers war die Reise wert, und irgendwo zwischen den Bäumen erblicken wir die grüne Fee, und nicht mehr ganz nüchtern wünschen wir, sie würde uns in ihren grossen Mantel wickeln und uns im Sausewind nach Basel fliegen. Doch nix da. Die Rückfahrt war anstrengend, die SBB hatte es wieder mal nicht im Griff, dafür hat uns Petrus mit wunderbaren Regenbögen und einem heftigen Regensturm in Olten entschädigt. Klein Anton und Josephine stört das kaum, sie mampfen fröhlich an ihrem Käsebrot und zählen die Blitze.
www.simonbaur.ch

John Armleder, From Here To There, 1967
Roman Signer, Banc
Katja Schenker, Rencontre
Doris Lasch und Ursula Ponn, La Fin

 Môtiers 2011: Art en plein air
18. Juni bis 18. September 
Link:  Môtiers 2011